Bahn frei!
16. Februar, ein winterlicher Tag mit genügend Schneematsch und dürftigen Temperaturen. Ich bin unterwegs nach Serbien. Aber erstmal geht es nach Hamborch zum Flughafen und zwar mit den bewährten Fahrzeugen der Deutschen Bahn. Sänk you for träwäling… Aber, ach, wer kennt das nicht: Am Bahnsteig angekommen präsentiert die Deutsche Bahn in hervorragend leserlichen Lettern auf einem modernen, wetterfesten Bildschirm in gewohnt knapper Bundesbahnprosa die Info: Der Zug mit der Nummer soundso fällt heute aus!
Das bringt mich keineswegs aus der Fassung. Vielmehr gleite ich auf einer Welle der Gleichmut. Was juckt mich dieser Pifftipaffti-Zugausfall? Habe ja großzügig kalkuliert. Denn man weiß ja: Sogar eine nur vorgetäuschte Schneeflockensichtung bringt die Fahrpläne der Bahn zuverlässig durcheinander. Das im Sinn, habe ich schon bei der Reiseplanung reichlich zeitlichen Puffer vorgesehen. Also auch wenn der erste Zug ausgefallen ist, der nächste folgt schon um 13:08 Uhr und von Hannover aus sollte ich es bis 18:30 immer noch eigentlich bequem bis zum Flughafen in Hamburg schaffen. Und dann sind sogar trotzdem noch die regulären zwei Stunden für die Abfertigung übrig.
Ilona, die ich natürlich per modernster Elektronik auf dem Laufenden halte, schreibt von daheim: Nuuuur gut, dass du so großzügig kalkuliert hast!
Doch wer Ilona kennt, der weiß: Das muss man mit einem ironischen Tonfall lesen.
Okay, spotte du nur, am Ende komme ich aber rechtzeitig und ohne Puls und Schweiß an mein Ziel, denke ich mir im Stillen.
Nur wenige Minuten später spielt mir das Schicksal unverhofft einen kleinen Triumph zu und ich berichte ihr prompt von einer überraschenden Lageänderung: Ja, schreibe ich, ich habe glücklicherweise großzügig kalkuliert! Weil, der 13:08er Zug hat nun Verspätung! Aber nicht irgendeine!! Voraus wurde ein „Brücken-Anfahrtsschaden“ diagnostiziert. Typisch Bahnbeamtendeutsch: Keiner der Passagiere weiß so wirklich genau, was das bedeutet, aber alle sind gleich ungemein beruhigt, denn wenn die Bahn schon einen Fachbegriff für das Vorkommnis parat hat, dann sind Fachleute am Werk und dann wird sowieso und unausweichlich alles gut. Der Zug hält jedenfalls in Wunstorf noch rechtzeitig vor der Brücke, puh!
Dann erklärt die Zugbegleiterin hörbar zerknirscht: Sie lernen jetzt unseren Lokführer kennen, der mal eben durch den Zug und an das rückwärtige Ende eilt und den Zug sozusagen rückwärts wieder zurück nach Hannover steuert. Das sei jedenfalls der Rettungsplan für diese Fahrt nach Hamburg und weiter, den sie nun sogar vorsichtig optimistisch verkündet. Von Hannover aus dann neuer Anlauf nach Hamburg über Lehrte, informiere ich Ilona. Geschätzte Verspätung: 60 Minuten. Kein Witz! 😃 Damit sind von meinem Zeitpuffer schon gut zwei Stunden dahingeschmolzen. Viel sollte nun nicht mehr dazwischenkommen, damit ich meinen Flug noch erreiche.

Und damit Ilona wirklich Bescheid weiß, sende ich ihr Bildmaterial zur geschätzten neuen Fahrtroute 😁
Ilona: Na, das nenn ich mal eine Abenteuerreise. 🤪
Ich: Sind jetzt jedenfalls zurück in Hannover. Und das alles ohne Extragebühren!
Ilona: Siehste, wärste mal mit dem Flixbus gefahren.
Ich: Genau, Schienenersatzverkehr, das lieb ich so sehr!! Immerhin kann ich nun doppelt so lange erste Klasse fahren. Einzelsitz mit Lederbezug, höhö.
Dann passiert erstmal nichts, nur dass weiterhin unablässig Schnee fällt und der Zug unablässig dahinfährt.
Irgendwann kann Ilona ihre Neugier nicht mehr zurückhalten und schreibt: Na, was macht dein Abenteuer?
Ich tippe stolz: Sitze jetzt in der S-Bahn zum Flughafen. Die restliche Fahrt nach Hamburg verlief weitgehend ereignislos. Aber so schnell fahre ich nicht wieder erster Klasse, egal wie erschwinglich das ist. In der ersten Klasse rennen die Kellnerinnen andauernd auf und ab, um die solventen Fahrgäste zu hofieren, hier ein Tomatensaft mit Pfeffer, da eiligst ein Kaffee, dort ein Mahl aus der ICE-Kantine, und jedem der Besserbezahlenden auf Wunsch eine Sonderauskunft zur Fahrtroute — man kommt kaum zur meditativen Reiseruhe. Wofür bucht man eigentlich einen Zug? Bei all dem Geschnatter war mir völlig entgangen, dass wir immerhin 20 Minuten aufgeholt hatten.
Ach, eine Kleinigkeit noch: Ich war in Hamburg schon auf dem Weg zur Treppe und zur S-Bahn und ich murmelte und grummelte ein bisschen über den schneefeuchten Bahnsteig, auf dem meine Sommerschuhe bei jedem Schritt rutschten. Gut, den schweren Rucksack auf dem Rücken zu haben, das Gewicht stabilisiert nämlich, sagte ich beruhigend zu mir selbst und war gleich beruhigt.
Dann aber viel mir siedendheiß ein: Ich habe meinen Koffer im Zug vergessen! Du glaubst gar nicht, schrieb ich Ilona, wie egal mir plötzlich der Schneematsch auf dem Bahnsteig war! Gerannt bin ich wie der geölte Blitz und zack-klick, nebenbei gab mein Gedächtnis sofort heraus, in welchem Wagen ich gesessen habe! Nummer 11! Aber halt und kehrt auf den Fersen, weil ich war schon gut zehn Meter an der Eingangstür vorbeigesprintet! Rinn in den Zug, gleich alle Treppenstufen auf einmal, zum Glück kein Gegenverkehr von verhuschten Schlafmützen-Omis, und da sah ich auch schon meinen-deinen-unseren Koffer, den ich damals mühevoll aus Thailand für dich hergeschafft hatte, schmählich vergessen und allein auf der Ablage. Aber er blitzte grüngrau wie eh und jeh, schien unversehrt und überhaupt nicht beunruhigt, fast so wie ein Haustier, das ergeben zu einem aufschaut, unerschütterlich im Glauben, dass alles, was Herrchen tut einem großen klugen Plan folgt. Ich schnappte ihn erleichtert, die Tür gerade noch offen und wir drei, Rucksack, Koffer und ich, sprinteten erleichtert ins Freie!
Erst draußen holte ich Luft und dachte mit klopfendem Herzen: Siehste, so macht sich der Jahresbeitrag im Sportverein bezahlt! (dz)