Ungeliebt

    Jule, fett vom vielen Fressen, lag meist nur herum. Lieschen litt unter ihrem scheinbar ungünstigen Stammbaum, der dafür sorgte, dass ihr Bauch wegen der kurzen Beine am Boden schleifte. Mäxchen war dünn und quirlig. Immer wenn er die Mädels sah, erwachte der Tiger in ihm. Aber schließlich lebten die drei in einer netten kleinen Gemeinschaft. Später gesellte sich Krümel dazu, ein Meerschweinkind. Unsere Bekannte bekam das kleine Schweinchen ungefragt geschenkt und suchte nun ein neues Zuhause für das Tierbaby.

    Krümel war kerngesund ‐ kein dicker Bauch, keine kurzen Beinchen ‐ alles perfekt. Doch vom ersten Tag an hackte sie auf ihre Artgenossen ein, jagte sie durch den Stall und biss ihnen gelegentlich in die Seite. Die liebe Ruhe war gestört. Wir mochten Krümel nicht, schließlich attackierte sie die anderen, die sich auch gar nicht zu wehren wussten.

    Im Sommer baute ein Projektzirkus seine Zelte gegenüber unserem Bürogebäude auf. Die Leute führten kein leichtes Leben und so war ihre Stimmung durch nichts zu trüben. Es gab so viel zu erzählen: über die Kunststücke, über ihre Tiere. Ja sie hatten sogar eine Schlange. Und wie wir so plauderten und auch von unserer kleinen Tierfamilie erzählten, kamen wir bald auch auf die kleine Krümel zu sprechen. Was tun mit diesem Tier? “Dann bringt es doch einfach mit. Wir verfüttern es an unsere Schlange.”, bekamen wir als Angebot. Einen kurzen Moment überlegten wir. War sie doch so ein großer Unruhestifter. Nachts lagen wir lange wach. Doch schließlich brachten wir es nicht übers Herz.

    Inzwischen gibt es die bunte Runde nicht mehr. Nur Krümel lebt als alte Meerschwein‐Oma in ihrem großen Gartenhaus. Die eisigen Winter übersteht sie problemlos mit ihrem dichten weißen Fell. Sie ist wunderbar ausgeglichen und pfeift, wenn sie uns kommen hört. Sie ist uns sehr wertvoll. (ilk)