Katzenfrust
Leochen war heute böse!
Ich arbeite im Wohnzimmer auf dem Sofa. Unser ziemlich großer Kater Sammy leistet mir ein bisschen Gesellschaft. Genaugenommen ist Sammy der größte Kater, den ich je gesehen habe. Acht Kilogramm Kampfgewicht. Aber nun liegt er im mehrstöckigen Katzenbaum ganz oben in der Kanzel und schläft. Ich denke oft daran, wie er einst mit der Verzweiflung des Einsamen unbedingt bei uns einziehen wollte und freue mich für ihn, dass er nun ein Heim und darin einen wohlig warmen Platz für sein vormittägliches Schlafritual hat.
Tapp-tapp-tapp, da spaziert unser ziemlich kleiner Kater Leo aus dem Esszimmer gut gelaunt herüber. Einst haben wir ihn von einem Friedhof entführt, auf dem er sich mit vielen anderen Katzen herrenlos mehr schlecht als recht durchgeschlagen hatte. Als schlauester und mutigster der Gruppe wusste er, von wem Flüche, Fußtritte und Steinwürfe drohten (missmutige Männer) und von wem wenigstens ab und zu eine volle Assiette Katzenfutter aus dem nahegelegenen Supermarkt zu bekommen war (Frauen). Ausgemergelt, eine Zecke über dem Auge, schütteres Fell – so hatte er sich uns in den Weg gestellt und in Katzensprache von seinem anhaltenden Hunger geklagt. Er war der einzige der losen Katzemeute, der sich auf Armreichweite an Besucher herantraute. Das sollte seine Rettung sein. Tags darauf entführten wir ihn für immer von dort.
Inzwischen ist Leo wohlgenährt und hat ein dichtes Fell, dass er sorgsam pflegt. Eines seiner Rituale geht so: Er springt auf die erste Stufe des Katzenbaums, rupft und rüttelt kurz am Stamm, um seine Muskeln zu dehnen und rollt sich dann genüsslich entweder in der Schale oder oben in der Kanzel zu einem Knäuel zum Schlummern zusammen. Das tut er auch jetzt. Seine scharfen Nägel reißen Stücke aus dem Sisal-Gewebe, es kracht und der ganze Katzenbaum wackelt bedrohlich. Was er nicht weiss: Sammy schwankt oben in der Kanzel, lässt sich aber erstmal nicht aus der Ruhe bringen und schaut nur missbilligend herab. Leo reckt sich, blickt auf und sieht jetzt, dass die Kanzel schon belegt ist! Noch dazu ausgerechnet von seinem Peiniger, der ihm mit seinen viel längeren Vorderbeinen und breiten Pfoten immer mal Hiebe versetzt. Das verdirbt Leo die Laune, seine Miene verfinstert sich, aber nur kurz. Der kleine Kerl rupft und rüttelt jetzt trotzig am Stamm und Sammy schwankt wie ein Matrose im Ausguck eines Segelschiffs bei Seegang.
Dann lässt Leo ab vom Stamm, hüpft auf das Bücherregal dahinter und schaut unzufrieden und unschlüssig.
Nicht lange, dann probiert er die unten am Katzenbaum angebrachte Schale aus, legt sich kurz hinein und findet das Liegeerlebnis aber schnell unzufriedenstellend. Er steigt wieder hoch aufs Podest und rupft erneut am Stamm und wieder schwankt Sammy. Aber nun setzt er sich auf und schaut erzürnt herab.
Und der kleine Leo, der sonst immer Deckung sucht, wenn Sammy bloß in seine Richtung blickt, baut sich jetzt auf und droht Sammy Schläge an. Dann geht es ganz schnell: Er holt mit seiner rechten aus, schlägt zu, Sammy weicht aus, schlägt zurück und schon ist der Katzenboxkampf in Gang. Beide legen ihre Ohren nach hinten wie kleine Jagdflugzeuge, kneifen die Augen zusammen, blecken die langen Zähne und die scharfen Krallen blitzen immer wieder hervor. Aber so plötzlich das Pfotenduell begann, so schnell endet es: Sammy beugt sich ein wenig mehr herab, um besser zulangen zu können, Leo weicht zurück, verliert das Gleichgewicht und springt herab. Vorbei der Kampf, übrig bleibt nur Zornesrauch in der Luft.
Leochen sieht ein, nichts ausrichten zu können, zieht verdrossen von dannen, setzt sich im Esszimmer auf die Katzenmatratze und putzt sich. Sammy setzt sich wieder, blickt ihm nach, versichert sich, dass er nicht wiederkommt und entspannt sich ebenfalls. Ich stehe auf und nehme Leochen mit ins Jungszimmer. Dort angekommen, scheint er den Frust schon weggesteckt zu haben. Zum Trost reiche ich Katzenkekse. Er macht sich mit Apettit drüber her.
Derweil hat sich im Wohnzimmer der Staub gelegt. Sammy liegt wieder zusammengerollt und kehrt der Welt das Hinterteil zu. Friede auf Erden. (dz)