Ganz sicher

    Wenn man sich große Sorgen macht, verschwimmen leicht Wunsch und Wirklichkeit, und man liegt trotz guter Absichten plötzlich daneben.

    Schon seit Tagen hatte sich der Kater nicht blicken lassen. Das war gar nicht seine Art. Er war ein festes Mitglied der Familie, kam immer pünktlich zu den Mahlzeiten nach Hause. In der Familie, die ganz oben auf dem Hügel auf einem großen Hof lebte, herrschte Ausnahmezustand.

    Es war nicht zu begreifen, denn hier oben ging es ihm gut: die Eltern strahlten nur so vor Sympathie, drei Kinder spielten voller Freude und Harmonie, ein idyllischer Bauerngarten mit Weinreben, die die Hausfassade bedeckten, eine kleine Herde zotteliger Schafe, die unermüdlich am Rasen mümmelten. Es lebte sich sehr ruhig hier oben, denn zum letzten Haus vor der Waldkante führte nur ein schmaler sandiger Weg aus dem kleinen Dorf hierher.

    Was konnte ihm nur zugestoßen sein? Voller Sorge suchten sie die Gegend ab. Auch Freunde halfen mit. Denn schließlich kannten sie den freundlichen Kerl sehr gut. Kamen sie zu Besuch, lief er ihnen entgegen und streifte zur Begrüßung um die Beine.

    Doch nun war er weg. Der Verlust legte einen dunklen Schatten über die sonst so unbeschwerten Tage. Die Eltern wussten nicht, wie sie ihre traurigen Kinder trösten sollten. Und der Vater, der als Naturparkschützer viel unterwegs war, streifte nun noch aufmerksamer durch die Natur.

    Ein paar Tage später, er fuhr gerade mit seinem Bulli durch eines der benachbarten Dörfer, sah er einen Kater am Wegrand: getigertes Fell, kleine runde Ohren, leuchtend grüne Augen – sein Kater! Ganz sicher! Sein Puls schnellte in die Höhe. Welch ein Glück! Aber warum trieb sich das Tier hier, so weit weg vom eigenen Zuhause herum? Egal. Der Kater muss mit. Erst rief er ihn: Hey Moritz, da bist du ja. Komm her, du kleiner Herumtreiber.

    Ein Blick, doch sonst keine Reaktion. Vielleicht ging es ihm nicht gut? Also stieg er aus dem Wagen, schnappte seine Jacke, die auf dem Beifahrersitz lag und stapfte entschlossen zu dem schwarz-braun gestreiften Stubentiger. Dieser duckte sich nun etwas ungläubig. Doch bevor er fliehen konnte, warf der Vater die Jacke über ihn. Verrückt nur, dass der Kater sich so wehrte.

    Mit einem breiten Grinsen und voller Glücksgefühle brauste er auf dem schnellsten Weg nach Hause. Dort angekommen rief er schon in der Einfahrt nach den anderen. Neugierig kamen die Kinder zum Auto gerannt, die Mutter hinterher. „Stellt euch vor, wen ich gefunden habe!“ Dabei schob er die Seitentür des Bullis auf. „Er wollte nicht mitkommen, aber ich habe ihn geschnappt und in die Jacke gewickelt.“ Der Kater hatte sich inzwischen aus dem lose zusammengerollten Stoff befreit und schaute verunsichert und ziemlich ängstlich in die Gesichter der Familie. Und die Familie schaute erst aufgewühlt, dann bedröppelt auf den kleinen Streuner. „Aber Papa, das ist doch gar nicht unser Moritz.“

    Der Vater, ganz durcheinander und auch etwas hilflos, konnte das nicht glauben.

    „Aber natürlich ist das unser Moritz!“

    „Mann Papa, das sieht man doch sofort, dass er das nicht ist.“

    Ob er wollte oder nicht, er musste den Irrtum eingestehen, dabei war er sich so sicher gewesen. Doch nun sackte er enttäuscht zusammen.

    Um den fremden Kater kümmerte sich inzwischen die Älteste. Er war ein lieber Kerl und ließ sich streicheln, blickte aber misstrauisch auf die Anwesenden. Es wurde ganz still in dieser Runde, doch alle waren sich sofort einig, dass der arme Wicht, der fälschlicherweise verschleppt worden war, schnell wieder zurückgebracht werden musste. Denn schließlich wussten alle sehr genau, wie furchtbar es ist, wenn der geliebte Kater nicht mehr nach Hause kommt. (ilk)