Eine spezielles Zuhause in den 60ern

    „ Neue Torstraße 110“. Das Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr von Blomberg in Lippe. Dort wurde ich geboren.

    Von der Seite gesehen, sah das schlichte graue Haus aus den frühen 50er Jahren aus wie ein riesiger, zu eckig geratener Wanderschuh. Das Erdgeschoß beherbergte die Räume der Feuerwehr. In der großen Garage standen 4 Magirus-Deuz Lkw und ein Bulli. Die zwei großen Holztore der Ausfahrten zeigten direkt zur Straße um einen schnellen Start zu ermöglichen. Zwischen den Toren war jahrelang ein kleiner Gardinenladen zuhause.
    Hinten gab es den höheren Gebäudeteil mit insgesamt drei Wohnungen in der ersten und zweiten Etage. Wir wohnten im ersten Stockwerk, meine Eltern, meine große Schwester und ich.

    Rechts vom Haus führte ein Kiesweg in den Hinterhof. Dort ging man direkt an der Hauswand endlang auf einem schmalen Weg aus Betonplatten bis zur Haustür. Durch die ebenerdigen Fenster konnte man vom Weg aus einen großen Feuerwehr Lkw in der Garage stehen sehen. Er war rückwärts eingeparkt, und stand startbereit mit seiner Nase nur einen Meter vor dem Tor der Ausfahrt.

    Dann kam der Eingang zu den Wohnungen. Einige Steinstufen führten zur Tür aus dunklem Holz mit rautenförmiger Verzierung. Drinnen wartete ein winziger Flur mit gefliestem Boden, auch mit Rautenmuster. Rechts ging es in den Übungsraum der Feuerwehrkapelle. Geradeaus stieg man auf einer polierten Treppe aus dunklem Holz in die erste Etage. Es gab an beiden Seiten Handläufe aus Holz, denn die Stufen waren glatt. Details der Geschichte wie meine Mutter auf halber Höhe ausrutschte und auf ihrem Hinterteil, jede Stufe mitnehmend, hinunter ratterte, erspare ich uns an dieser Stelle. Sie wurden aber zur allgemeinen Heiterkeit regelmäßig bei Familienfeiern erzählt.

    Oben wartete, der Treppe direkt gegenüber, der kleine Tisch mit dem schwarzen Telefon. Telefonnummer 376, damals genügten drei Zahlen in unserer Kleinstadt. Wenn es klingelte, hörte man oft zeitgleich die Sirenen der Stadt, denn dann gab es irgendwo ein Feuer und es ging um Minuten. Meistens ging meine Mutter ans Telefon, um die Mitteilung über den Brandort und die Größe des Notfalls entgegenzunehmen.

    Der kleine Flur der ersten Etage hatte einen dunklen Holzboden auf dem dekoratives Linoleum lag. Nach links ging man zur Wohnung unserer Nachbarn und zum gemeinsamen Badezimmer der zwei Mietparteien in diesem Stockwerk. Es gab eine Toilette, eine Badewanne und die dazu gehörende holzbeheizten Therme.
    Von der Treppe aus kam man nach rechts zu unserer Wohnung. Eine weitere Treppe führte hinauf zur Waschküche. Für die Jüngeren, das ist eine Waschmaschine als Raum mit uncoolem Do-It-Yourself. Außerdem gab es dort eine kleine Wohnung und ein separates Zimmer.

    Hinter der Tür unserer Wohnung wartete direkt in die Wohnküche. Gleich links war die kleine Speisekammer in der vieles gelagert wurde, was wir heute in den Kühlschrank oder in den Keller tun. An der linken Küchenwand befanden sich die Spüle und der Küchenherd. Er war mit Holz beheizbar, weiß emailliert und hatte ein kleines Backrohr. Außerdem gab es Schränke für die Küchenutensilien. Geradeaus standen der Esstisch mit Stühlen und einem Sofa. Dahinter, der Wohnungstür direkt gegenüber, war das Küchenfenster. Es zeigte zum Hinterhof mit den Garagen und zu dem dahinter liegenden Rasen mit Obstbäumen und Beerensträuchern. Dort wurde auch die Wäsche zum trocknen aufgehängt. Natürlich gab es auch ein kleines Blumenbeet mit Tulpen und „Tränenden Herzen“.

    Rechts, direkt neben den Sofa, ging es von der Küche ins Wohnzimmer mit Radio und später sogar Schwarzweißfernseher. Daneben lag das Schlafzimmer mit dem Ehebett und den Betten für die Kinder. Vom Schlafzimmer aus zeigte ein Fenster auf das große Dach der Feuerwehrgarage. Auf der Dachpappe konnte man es sich im Sommer zum Sonnen gemütlich machen.

    Im Winter wuchsen am einfach verglasten Küchenfenster Eisblumen und ich spielte meist drinnen mit kleinen Plastikfiguren Cowboy und Indianer oder Ritter. Im Sommer war der Hinterhof der Spielplatz. Dort wurde ein Plastikball an die Garagentore getreten, bis aus den darüber liegenden Wohnungen Protest kam. Dann musste Uwe Seeler eine Pause machen. Zur Stärkung hatte ich Eierpflaumen oder saure Äpfel direkt von den Bäumen und die ebenso sauren Stachel- und Johannisbeeren.

    Wenn die Sirenen der Stadt den Feueralarm heulten, begann das Abenteuer. Meine Mutter ging schnell in die Räume der Feuerwehr um die Türen für die herbeieilenden Feuerwehrleuten zu öffnen. Natürlich durfte ich nicht im Wege stehen aber aus den Fenstern und von der Hausseite aus konnte ich beobachten wie die Freiwilligen ankamen. Auf der Arbeit hatten sie alles stehen und liegen gelassen und kamen nun zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Alle waren aufgeregt und in höchster Eile. Sie sprangen in ihre dunkelblauen Overalls und befestigten ihre breiten, schwarzen Lederkoppel an dem sich viele Ösen und ein kleines Beil befanden. Dann fehlen nur noch die Gummistiefel und der Helm mit seinem ledernen Nackenschutz. Sobald alle bereit waren, ging es los. Die LKW liessen dröhnend ihre Dieselmotoren an, während die Tore geöffnet wurden. Gleichzeitig hielten einige Feuerwehrleute den Verkehr auf der Neuen Torstrasse an. Dann donnerten sie vor den Augen der Anwohner davon. Alle hatten hohen Puls denn sie wollten helfen so schnell es ging. – Ich hörte die Martinshörner langsam leiser werden und hatte für eine Weile das Interesse an Cowboys und Rittern verloren. (mk)