Ein teures Tröpfchen
Selbstgemacht ‐ rühmt man sich gerne, wenn es um Kuchen, Salate, Marmeladen, Liköre oder Wein geht. Es schmeckt ja auch viel besser. Denn man weiß, was drin steckt. Meist kommen die Zutaten aus dem eigenen Garten und in den vielen Stunden, Tagen und Wochen baut man eine tiefe Bindung auf. Das ist nicht nur so dahergeredet, wenn man ein solches Geschenk mit den Worten überreicht: Es ist mit Liebe gemacht.
Nach diesem Leitsatz gluckert in unserer Küche jedes Jahr ein Weinballon, voller süßer Früchte, in freudiger Erwartung, dass daraus ein hervorragender Obstwein wird. Nun hatten wir bis vor wenigen Jahren keinen eigenen Garten und verarbeiteten deshalb das Beerenobst der Familie und von Bekannten, denn alles Obst zu kaufen, wäre viel zu teuer gewesen. Es gab auch eine versteckte Pflaumenallee im tiefsten Mecklenburg, die wir in manchen Jahren besuchten. Aber dieses Jahr gab es einen neuen Plan. Noch nie probiert, wollten wir gern beweisen, dass auch ein selbstgemachter Apfelwein hervorragend schmeckt.
Schnell hatten wir eine alte verlassene Apfelbaumallee im Oderbruch entdeckt und machten uns an einem sonnigen Wochenende an die Ernte. Für unsere Kinder war es eine Freude, denn die Bäume hingen voller reifer Früchte, die nur darauf warteten, gepflückt zu werden. Da unserem Sohn das Pflücken nicht schnell genug ging – Jungs sind eher praktisch veranlagt und suchen gerne nach einer zeitsparenden Lösung – schüttelte er kurzerhand den Baum. Das Ergebnis war überwältigend. Promt regnete es riesige Apfelgeschosse vom Himmel, die nur so auf den Boden prasselten. Nur stand ich direkt unter diesem Baum, schaute nach oben und streckte gerade die Hand aus, um die dicken Äpfel zu pflücken. Mitten im Kugelhagel traf ein riesiges Objekt meine Brille, riss sie mir von der Nase und zerschmetterte ein Glas. Das Ergebnis: Unser Obstwein kostete uns in diesem Jahr stolze 60 Euro ‐ das hätten wir auch einfacher haben können ‐ aber selbstgemacht ist eben selbstgemacht. (ilk)