Der Traum von der Exotik
Ein Frühstück mit Kaffee aus der Plastiktasse im Flieger und dann die Landung im Paradies.
Wer ankommt, trifft noch am Flughafen auf schwül-heiße Luft. Auf den Straßen wabert der Dieselgestank. Viele Touristen freuen sich über diese ungewohnten Eindrücke als Einstieg in die Exotik. Nach 11 Stunden in einem Flugzeug ist der Anspruch an erfreuliche Ereignisse knapp über Null.
Thailand! Das Land des Lächelns! Traumstrände! Traumhotels! Traumwetter! Traum- .. Alles! Endlich! Und traumhaft leckeres Essen!
Einige Tage später. Man hat das Hotel nur bis zum Strand verlassen aber man fühlt sich schon im ganzen Land heimisch. Körper und Seele sind zur Ruhe gekommen. Die lange erwartete Exotik ist viel zu schnell fast normal geworden.
Die Ausrufezeichen hinter den Eindrücken sind verschwunden.
Man lächelt ständig und beherrscht bereits die Sprache. „Sawadie“oder so ähnlich bedeutet „Hallo“ und „aloy“ heißt „lecker“. Die Thais freuen sich über jeden Versuch. Den Rest aber doch besser auf Englisch oder mit Händen und Füßen.
Der eine oder die andere tritt nun zögernd aber mutig aus dem Hotel und bekommt so einen Blick auf die subtile, wahre Exotik.
Das Essen am Strassenrand schmeckt ungewohnt intensiv im Vergleich zu dem eingedeutschten „original-thailändischen“ daheim. Keine geschnitzte Möhre, dafür aber purer Geschmack und knackfrische Zutaten, so wie es nur hier möglich ist. Es wird für Thais gekocht und so schmeckt es auch. Unendlich viel leckere Exotik mit Überraschungen für Neugierige.
Viele Blüten und Schmetterlinge sind deutlich größer als daheim. Die Schnecken sind schlanker und schneller unterwegs.
Hühner und Rinder wirken ausgehungert. Eine ausgeprägte Fettschicht oder ein dickes Gefieder wären bei ständiger Hitze nur hinderlich. Hungern muß keiner, auch nicht die allgegenwärtigen Strassenhunde.
Gefährliche Exotik? Kaum in der Natur. Die Schlagen sind sehr scheu und in großer Mehrheit ungiftig. Skorpione beeindrucken durch Größe und Geräusche. Ihr Stich ist allerdings so gefährlich wie der von Biene Maja. Üblicherweise tut es weh und wird rot. Das war’s für Nicht-Allergiker. Alltägliche tierische Exotik ohne Elefant und Tiger.
Viel gefährlicher ist das Überqueren einer Strasse im Vertrauen auf Zebrastreifen oder grüne Ampeln.
Eine Familie hat auch hier jeder so wie sie halt ist. Ob man will oder nicht. Im alltäglichen Miteinander gibt es auch hier Lieblings-Verwandte und das Gegenteil. Es wird auch getuschelt. – Aber es wird nur getuschelt und nicht öffentlich gelästert. Bei Unstimmigkeiten wird nicht endlos und laut gestritten. Man meidet den Kontakt bis sich die Beteiligten wieder beruhigt haben. Wer nachtragend ist, verdirbt sich nur den Tag. Weise, dezente Exotik.
Schließlich das exotische Klischee: Das Land des Lächelns. Ach ja, Madame Butterfly! Oder war die Japanerin? Egal.
Wer laut oder unfreundlich ist, outet sich auch hier als Rüpel. Die buddhistische Tradition gebietet freundliche und dezente Zurückhaltung. Diese wollen auch die Coolsten und die Poser auf keinen Fall im familiären Umfeld missachten. Auch Thai-Punks ehren ihre Eltern und religiösen Würdenträger traditionell unterwürfig.
Besonders viel Lächeln und Freundlichkeit herrschen dort wo Touristen Geld ausgeben möchten. Fast jeder ist glücklich und spendabel wenn er freundlich behandelt wird. – Schöne Grüße an die Mehrheit der nordafrikanischen Strassenhändler, die eine andere Strategie verfolgt.
Wieder im Flugzeug. Der Kopf ist voller Eindrücke und vor mir steht ein Plastiktablett mit aufgewärmten Spagetti Carbonara. Die Kopfhörer servieren dazu meine Playlist. Gerade läuft Supertramp. „Dreamer“. Wehmütig höre ich die Worte. Sie fühlen sich zutreffend und mitleidig an. Und ganz ohne Ausrufezeichen. (mk)